Facharzt – eine aussterbende Spezies im Krankenhausbetrieb?
Sie überlegen einen Wechsel? Wir sagen Ihnen in einem kurzen Gespräch, was der Markt in Ihrer Fachrichtung gerade hergibt.
Beratungstermin vereinbarenLaut Statistischem Bundesamt arbeiteten Ende 2024 in deutschen Krankenhäusern 58.589 Oberärzte und 46.930 Fachärzte ohne Oberarztfunktion. Seit 2019 ist die Zahl der Oberärzte um 16% gestiegen, die der Fachärzte ohne Oberarztfunktion um 5%.
Die Entwicklung: nach der Facharztprüfung oft direkt zum Oberarzt
In der deutschen Krankenhauslandschaft gibt es eine bemerkenswerte Entwicklung, die in den letzten Jahren immer häufiger zu beobachten ist: Assistenzärzte, die ihre Facharztprüfung erfolgreich abgeschlossen haben, werden oft unmittelbar danach zu Oberärzten befördert, ohne jemals als Fachärzte praktiziert oder ausreichend Berufserfahrung gesammelt zu haben. Dieser Trend ist mehr als bedenklich, weil junge Ärzte diese Beförderung praktisch für selbstverständlich halten und die Krankenhäuser spielen das Spiel sehr oft mit, um qualifiziertes Personal zu halten und deren Abwanderung zu verhindern bzw. so auf diesem Weg neue Ärzte zu gewinnen.
Die Zahlen des Statistischen Bundesamts zeigen die Verschiebung hin zum Oberarzt. Es zählt die hauptamtlichen Ärzte der Krankenhäuser nach Positionen; „Assistenzärzte mit abgeschlossener Weiterbildung“ sind dort Fachärzte, denen keine Oberarztfunktion übertragen ist.
| Jahr | Ärzte insgesamt | Oberärzte | Fachärzte ohne Oberarztfunktion |
| 2019 | 196.470 | 50.368 | 44.692 |
| 2024 | 217.724 | 58.589 | 46.930 |
Hauptamtliche Ärzte jeweils am 31. Dezember. Quellen: Statistisches Bundesamt, Grunddaten der Krankenhäuser 2019 und Grunddaten der Krankenhäuser 2024.
Von 2019 bis 2024 ist die Zahl der Oberärzte nach den Zahlen des Statistischen Bundesamts um 16% gestiegen, die der Fachärzte ohne Oberarztfunktion um 5%. Dabei werden jedes Jahr mehr Fachärzte ausgebildet: Laut Ärztestatistik 2025 der Bundesärztekammer wurden 2025 insgesamt 16.195 Facharztbezeichnungen anerkannt, 5% mehr als 2024 (15.378). Die Zahl der Fachärzte ohne Oberarztfunktion im Krankenhaus wächst trotzdem kaum.
Der TV-Ärzte/VKA für kommunale Krankenhäuser setzt dem keine Grenze. Nach dem TV-Ärzte/VKA (§ 16) ist Oberarzt, wem „die medizinische Verantwortung für selbstständige Teil- oder Funktionsbereiche der Klinik bzw. Abteilung vom Arbeitgeber ausdrücklich übertragen worden ist“ – Jahre als Facharzt verlangt er nicht. Bei anderen Trägern gelten eigene Regeln, maßgeblich ist Ihr Arbeitsvertrag.
Was der Schritt vom Facharzt zum Oberarzt beim Gehalt bringt – und warum er nach Tarif manchmal gar nichts bringt –, steht in unserem Artikel zum Oberarztgehalt.
Die Bedenken: Patientenversorgung und Komfortzone

Trotz der vermeintlichen Vorteile gibt es erhebliche Bedenken hinsichtlich dieser Entwicklung. Die direkte Beförderung zum Oberarzt ohne ausreichende Berufserfahrung kann die Qualität der Patientenversorgung beeinträchtigen. Ein Oberarzt sollte nicht nur über theoretisches Wissen verfügen, sondern auch die praktische Erfahrung besitzen, um komplexe Fälle sicher und kompetent zu behandeln.
Ein Beispiel verdeutlicht diese Bedenken: Ein frischgebackener Facharzt in der Kardiologie mag über das notwendige theoretische Wissen verfügen, aber ihm fehlt möglicherweise die praktische Erfahrung, um Patienten mit akuten Herzproblemen effektiv zu behandeln. Dies könnte schwerwiegende Folgen für die Patienten haben.
Eine weitere Sorge ist, dass Ärzte, die frühzeitig den Status eines Oberarztes erreichen, möglicherweise weniger Anreize für Weiterbildung und Spezialisierung sehen. Sie könnten in eine Komfortzone geraten, die ihre berufliche Entwicklung behindert.
Die Zukunftsperspektive

Die Lösung dieses Dilemmas erfordert eine ausgewogene Herangehensweise. Ein flexibles Beförderungssystem, das die Qualifikationen und die Erfahrung der Ärzte angemessen berücksichtigt, ist von entscheidender Bedeutung. Dies sollte in Verbindung mit klaren Karrierewegen und Anreizen für Weiterbildung und Spezialisierung erfolgen.
Letztendlich sollte das Gesundheitssystem sicherstellen, dass die Qualität der Patientenversorgung nicht beeinträchtigt wird, während es gleichzeitig talentierte junge Ärzte ermutigt, sich frühzeitig zu spezialisieren. Die Debatte darüber, ob der Facharztstatus an Relevanz verliert, wird weiterhin eine zentrale Rolle in der medizinischen Gemeinschaft spielen und erfordert eine sorgfältige Abwägung der Vor- und Nachteile dieser Entwicklung.
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FAQ
Was ist der Unterschied zwischen Facharzt und Oberarzt? Facharzt ist eine Qualifikation: Laut (Muster-)Weiterbildungsordnung der Bundesärztekammer (§ 2) erhält die Facharztbezeichnung, wer die vorgeschriebenen Weiterbildungsinhalte und -zeiten abgeleistet und in einer Prüfung die Facharztkompetenz nachgewiesen hat. Oberarzt ist eine Funktion: Nach dem TV-Ärzte/VKA (§ 16) wird ihm die medizinische Verantwortung für einen selbstständigen Teil- oder Funktionsbereich vom Arbeitgeber ausdrücklich übertragen. Bei anderen Trägern gelten eigene Regeln.
Wie lange dauert es vom Facharzt zum Oberarzt? Eine feste Regel gibt es nicht: Der TV-Ärzte/VKA verlangt keine Jahre als Facharzt vor der Beförderung. Nach unserer Erfahrung folgt die Beförderung oft direkt auf die Facharztprüfung. Nach den Zahlen des Statistischen Bundesamts ist die Zahl der Oberärzte von 2019 bis 2024 um 16% gewachsen, die der Fachärzte ohne Oberarztfunktion um 5%.
Was verdient ein Oberarzt im Vergleich zum Facharzt? Laut Entgelttabelle TV-Ärzte/VKA beginnt ab dem 1. Juni 2026 ein Facharzt (Entgeltgruppe II) bei 7.552,19 Euro, ein Oberarzt (Entgeltgruppe III) bei 9.459,56 Euro im Monat. Bei anderen Trägern gelten eigene Tabellen, maßgeblich ist Ihr Arbeitsvertrag.
Was ist ein Funktionsoberarzt? In der Regel heißt so ein Arzt, der oberärztliche Aufgaben wahrnimmt, ohne als Oberarzt eingruppiert zu sein. Den Begriff gibt es weder im TV-Ärzte/VKA noch im TV-Ärzte (TdL); nach Tarif bleibt ein solcher Arzt Facharzt.
Ihr qualifizierter Karriereberater
Igor Naumann
Spricht täglich mit Ärztinnen und Ärzten, Chefärzten, Personalleitungen und Geschäftsführungen. Vermittelt Fachärztinnen, Oberärzte und Leitende Oberärzte an Kliniken, MVZ und Praxen in Deutschland und Österreich.